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Einsam auftanken? Wann sozialer RĂŒckzug schaden kann


Bild: Zacharie Scheurer/dpa-tmn

Ein Abend alleine auf der Couch, eine abgesagte Party, lieber alleine zu Hause bleiben, statt ins CafĂ© zu gehen: Manche Menschen ziehen sich zurĂŒck – bewusst oder unbewusst. Manchmal ist das nur eine Phase, die helfen kann, die sozialen Akkus wieder aufzuladen. Manchmal dauert diese Phase aber an und kann zum Problem fĂŒr die Gesundheit werden.

Klar, in einigen Situationen braucht man etwas Zeit fĂŒr sich selbst: nach einer Party oder in stressigen Lebensphasen zum Beispiel. Sich eine Zeit lang oder regelmĂ€ĂŸig ein, zwei Abende in der Woche bewusst zurĂŒckzuziehen, um Hobbys nachzugehen oder sich auszuruhen, sei ganz normal, betont Tatjana Reichhart. Die Ärztin fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie ist in MĂŒnchen als Coach und Trainerin tĂ€tig.

Sie sagt: «Wenn der RĂŒckzug selbst gewĂ€hlt ist und wir die Zeit absichtsvoll fĂŒr uns selbst verwenden, wĂŒrden wir aber nicht von sozialem RĂŒckzug sprechen, sondern eher von Me-Time.» Und: Diese sogenannte Me-Time gibt Energie und hilft, die Batterien wieder aufzuladen.

Wann sozialer RĂŒckzug ein Problem wird

Problematisch wird es, wenn man abends nach der Arbeit regelmĂ€ĂŸig so erschöpft ist, dass man weder KapazitĂ€ten fĂŒr Hobbys noch Treffen mit Freunden hat und völlig erledigt vor dem Fernseher hĂ€ngt, beschreibt Reichhart. «Das ist keine qualitativ hochwertig genutzte Zeit und die bringt in der Regel auch nicht die Energie zurĂŒck.»

Aber nicht nur das macht sozialen RĂŒckzug problematisch. Es geht auch darum, was man damit erreichen möchte. «Sozialer RĂŒckzug kann auch eine Vermeidungsstrategie sein, mit der man negativen GefĂŒhlen aus dem Weg gehen will», erklĂ€rt der Psychologe Klaus Nuyken. 

Wer aus Angst vor der Bewertung durch andere («Die finden mich bestimmt doof») ein Treffen absagt, verhĂ€lt sich dysfunktional. Kurzfristig sinkt zwar die Angst durch das Vermeidungsverhalten. Langfristig wird sie aber verstĂ€rkt und damit aufrechterhalten und verschlimmert sich sogar, was zu einer weiteren EinschrĂ€nkung der LebensqualitĂ€t fĂŒhrt.

Wie RĂŒckzug und psychische Erkrankungen zusammenhĂ€ngen

Mitunter gerĂ€t man in einen Teufelskreis: Wer sich von anderen zurĂŒckzieht, erhĂ€lt auch kein positives Feedback mehr. Das könne den RĂŒckzug weiter verstĂ€rken, wie Nuyken erklĂ€rt. «Sozialer RĂŒckzug hĂ€ngt eng mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen zusammen und ist in aller Regel ein Symptom der Krankheit.» 

Bei der Depression liegt das vor allem an der typischen Antriebslosigkeit und daran, dass Betroffene kaum noch Freude empfinden. Bei der Angststörung spielt vor allem die Vermeidung eine Rolle. Aber auch als Folge eines Traumas oder im Zusammenhang mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen kann sozialer RĂŒckzug ein Symptom sein.

Betroffene merken in der Regel zunĂ€chst gar nicht, dass sie sich zurĂŒckziehen und dass ihnen das nicht guttut. «Wichtig ist es daher, sich zu reflektieren und zum Beispiel zu ĂŒberlegen: Wie zufrieden und erholt bin ich vor einem Abend alleine vor dem Fernseher und wie ist es danach?», rĂ€t Reichhart. Das könnte man dann gedanklich vergleichen: Wie wĂ€re das nach einem Abend mit einer Freundin oder einem Freund oder wenn ich meinem Hobby nachgehe?

Raus aus dem RĂŒckzug: Wieder in Kontakt kommen

Gerade wenn man sich schon lĂ€nger zurĂŒckgezogen hat, kann es schwer sein, wieder mit anderen in Kontakt zu kommen. Steckt eine psychische Erkrankung dahinter, sollten Betroffene sich UnterstĂŒtzung suchen und eine Depression etwa im Rahmen einer Therapie behandeln lassen.

Ist das nicht der Fall, rĂ€t Tatjana Reichhart, sich erst mal einen Überblick ĂŒber das eigene Netzwerk zu verschaffen: Wen habe ich? Mit wem möchte ich den Kontakt wieder aufnehmen? Auch gemeinsame Interessen wie zum Beispiel Sport können gute Wege sein, um Kontakte wieder aufleben zu lassen. Sie rĂ€t außerdem, Zeit fĂŒr soziale Kontakte fest im Kalender einzuplanen. Sonst wird diese Zeit im stressigen Alltag meist als Erstes gestrichen.

GrundsĂ€tzlich sind kleine Schritte der SchlĂŒssel fĂŒr den Wiedereinstieg. «Statt einer Party kann man mit einem Treffen mit einer einzelnen, vertrauten Person starten oder erstmal eine Nachricht schicken», rĂ€t Klaus Nuyken. Und statt jemanden zu sich nach Hause einzuladen, trifft man sich am besten in einem CafĂ©. So kann man besser bestimmen, wie lange das Treffen dauert - ohne jemanden vor die TĂŒr zu setzen.

Struktur vor Lust

Außerdem rĂ€t Nuyken, eine Technik zu nutzen, die eigentlich Bestandteil der Depressionstherapie ist: Struktur vor Lust. Das bedeutet, dass man sich zum Beispiel vornimmt, morgen um 10 Uhr eine Nachricht an einen alten Bekannten zu schicken, auch wenn man sich eigentlich nicht danach fĂŒhlt. 

«Das ermöglicht positive Erfahrungen», erklÀrt Nuyken. Wenn man erst auf die Motivation wartet, könne sich das Problem verstÀrken. «Denn in der Regel kommt die nicht», so der Psychologe. 

Was bei den ersten Kontakten auch helfen kann, nennt Nuyken Koexistenz. Damit meint er Treffen, bei denen man zwar zusammen ist, aber nicht unbedingt die ganze Zeit miteinander reden muss. Eine Verabredung im Kino zum Beispiel. «Etwas gemeinsam erleben, was nicht mit tiefen GesprÀchen verbunden ist.»

Wichtig ist auf jeden Fall, wieder mit anderen in Kontakt zu kommen, wie Tatjana Reichhart betont. Denn Einsamkeit gilt als Risikofaktor fĂŒr viele Krankheiten, nicht nur psychische. «Wir Menschen sind soziale Wesen und Beziehungen zu anderen Menschen sind unser Lebenselixier.»


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(11.05.2026)


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